05.07.2017
Solarenergie

Wie die Sonne in den Schlauch kommt

Von Wiener Neudorf im südlichen Niederösterreich aus will das Start-up Heliovis den Solarmarkt neu aufmischen. Die Sonne wird mit Schläuchen eingefangen. Nun gibt es eine erste kommerzielle Anlage in Spanien.

Als die Schildbürger einmal vergessen hatten, Fenster in das neu gebaute Rathaus von Schilda einzusetzen, kamen sie auf eine grandiose Idee: sie wollten das Sonnenlicht in Säcken in das Gebäude tragen. "Hurra!", riefen die begeisterten Schildbürger, "das ist die Lösung." War es dann aber doch nicht.

Eine - weitaus praktikablere - Möglichkeit für die Nutzung der Sonne hat das Wiener Neudorfer Startup Heliovis gefunden: einen so genannten Sonnenlichtkonzentrator. Der Heliotube konzentriert mit Hilfe einer Spiegelfolie das Sonnenlicht und macht es so wirtschaftlich nutzbar macht. Die Struktur besteht aus einer robusten, unteren Trägerfolie, einer transparenten oberen Folie und einer Spiegelfolie im Innern des Schlauches. 

Wenig Materialeinsatz

Die Spiegelfolie teilt den Schlauch längs in eine obere und untere jeweils luftdichte Kammer. Die obere Kammer wird geringfügig fester aufgeblasen als die untere, wodurch sich die Spiegelfolie nach unten wölbt und ein Kreiszylindersegment formt, das einfallendes Licht auf den Receiver fokussiert.

Genau an dem Punkt, an dem das Sonnenlicht konzentriert wird, befindet sich ein Rohr, durch das ein Wärmeträgermedium gepumpt wird. Die Sonnenstrahlen erhitzen dieses Medium und so wird die Energie erzeugt. Ein Vorteil dieser Technologie ist außerdem, dass diese Wärmeenergie sehr gut gespeichert werden kann. Dadurch kann auch am Abend, wenn Sonne nicht mehr so stark scheint, konstant Energie aus dem Speicher abgegeben werden.

Der Materialeinsatz pro Quadratmeter Spiegelfläche wird von etwa 50 Kilogramm bei herkömmlichen Technologien auf rund fünf Kilogramm reduziert. Die Produktion erfolgt von „Rolle zu Rolle“, wodurch das eigentliche Kraftwerk in aufgerolltem Zustand einfach und kostengünstig weltweit transportiert werden kann. Das System kann dann schnell auf vorbereiteten Halterungen installiert und aufgeblasen werden.

Erste Anlage in Spanien

Im Juni wurde nun die erste Anlage von Heliovis in Spanien eröffnet. Die Vorarbeiten dazu nahmen einige Jahre in Anspruch. In Villalgordo del Júcar im Südosten Spaniens wurde das weltweit erste Sonnenkraftwerk, das für eine industrielle Anwendung gedacht ist, eröffnet. Mit diesem Schritt ist auch angedacht, in andere Märkte zu expandieren.

Heliovis-Gründer Tiefenbacher: "Mit einer neuen Technologie ist es anfangs immer schwer, denn im Endeffekt gibt es für Kunden ein höheres Investitionsrisiko, als mit Technologien, die schon seit Jahren auf dem Markt sind."
Bild: Heliovis

Interview

"Bisher viel Glas und Stahl"

Heliovis-Gründer Felix Tiefenbacher über die Idee, Plastikfolien statt Glas und Stahl für die Sammlung von Sonnenenergie zu verwenden, Risiken für den Kunden und die erste kommerzielle Anlage, die Heliovis nun in Spanien installiert hat.

Wie kamen Sie auf die Idee, Sonne in Plastikschläuchen zu speichern?

Felix Tiefenbacher: Der Auslöser für das Produkt waren die hohen Kosten für andere Solarkonzentratoren (Parabolrinnen) am Markt. Für den Durchbruch von erneuerbaren Energien ist es sehr wichtig, die Investitionskosten zu reduzieren, um die Technologien im Vergleich zu fossilen Energiegewinnungsmethoden schneller rentabel zu machen. Bisherige Solarkonzentratoren verwenden viel Stahl und Glas, wodurch die Investitionskosten relativ hoch ausfallen. Die Verwendung von industriell verfügbaren Plastikfolien bietet die Möglichkeit, die Produktionskosten deutlich zu senken.

Was hat sich seither getan?

Tiefenbacher: Heliovis gibt es seit 2009. Seither haben wir viele kleine Versuchsanlagen und Prototypen gebaut. Der Höhepunkt ist jetzt eine kommerzielle Anlage in Spanien, die thermische Energie für einen Industrieprozess liefert.

Was braucht es - außer Geld - damit Ihre Erfindung marktreif wird?

Tiefenbacher: Kunden, die bereit sind, von herkömmlichen Systemen auf erneuerbare umzusteigen. Mit einer neuen Technologie ist es anfangs immer schwer, denn im Endeffekt gibt es für Kunden ein höheres Investitionsrisiko, als mit Technologien, die schon seit Jahren auf dem Markt sind. Es gilt, die richtigen Partner zu finden, und den Kunden mit Ehrlichkeit und Transparenz gegenüberzutreten.

Wer ist die Zielgruppe und wo sind die Märkte?

Tiefenbacher: Die Zielgruppe sind in erster Linie Industriekunden in Gebieten, die sehr viel direktes Sonnenlicht haben.  Der Kollektor selbst erzeugt in erster Linie Hitze bis zu 400 °C. Diese kann man in diversen industriellen Prozessen verwenden oder verstromen.

Wo wird denn Ihr Sonnenstrauch produziert?

Tiefenbacher: Zurzeit produzieren wir in Wiener Neudorf.

Bettina Kreuter