09.02.2015
Bauherrenkongress 2015

Wertschätzung, Tageslicht und Design für das Ohr

Der Bauherrenkongress 2015 wurde am 29. Jänner im Linz unter dem Thema "Einfluss und Wirkung eines gesunden Arbeitsumfeldes auf den Menschen" von M.O.O.CON, DELTA Holding GmbH und der ÖGNI veranstaltet.

Wann fühlen wir uns in einem Gebäude wohl und sind produktiv? Wenn Temperatur, Licht, Luftqualität und Lautstärke als angenehm empfunden werden? Wenn die Größe von Räumen weder beengend noch zu weitläufig ist? Wenn die Gegebenheiten die Befriedigung verschiedenster Bedürfnisse ermöglichen? Auf diese und viele weitere Fragen hat die Veranstaltung Antworten gegeben. Neben Vorträgen konnten sich die rund 200 Teilnehmer über die Umsetzung von Komfort in Gebäuden auch in Best Practice Beispielen informieren.

 

Rund 200 TeilnehmerInnen nahmen am diesjährigen 5. Bauherrenkongresses am 29. Jänner in Linz teil
Bild: M.O.O.CON  

 

Im Rahmen des Kongresses zeichnete ÖGNI auch die zwei von M.O.O.CON betreuten Projekte „Post am Rochus“ (Vorzertifikat Silber) sowie das „Garant.Haus“ (Silber) mit Nachhaltigkeitszertifizierungen nach DGNB aus.

Nachfolgend Details zu den fünf Vorträgen

Vor Kurzem wurde die neue Justizanstalt Korneuburg mit dem Österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit 2014 ausgezeichnet, erinnerte der Keynote-Speaker Wolfgang Steger von Future in seinem Eingangsreferat. Es handelt sich um ein Vorzeigehaus für ökologische, ökonomische und vor allem soziale Verantwortung. Wie der Leiter des Hauses laut Medienberichten betont, soll der Neubau die Anzahl der Disziplinarfälle um 30 % und den Konsum von Schlafmitteln und Psychopharmaka um 75 % reduziert haben. Die Menschen sind gesünder und ausgeglichener, so die Bilanz.

 

Podiumsdiskussion mit den Referenten des Bauherrenkongress 2015 (v.l.): Moderator Karl Friedl (M.O.O.CON) sowie die Referenten Christian Grohs (FMP), Wolfgang Steger (Future), Thorsten Rhode (Rhode BeSB), Frank Bunte (Lichtakademie Bartenbach) und Marcus Hermes (Fraunhofer Institut)
Bild: M.O.O.CON  

 

„Wenn die Bedürfnisse der Menschen nicht beachtet werden, entstehen Stress- und Konfliktsituationen“, so Steger, der sich als Coach und Trainer mit Affinität zur Musik und Theologie intensiv mit subjektiven Faktoren des Wohlbefindens beschäftigt.

Menschliche Bedürfnisse

Welche menschlichen Bedürfnisse je nach Entwicklungsgrad einer Gesellschaft – aber auch einer Organisation oder eines Individuums – Vorrang haben, hat uns bereits 1943 Abraham Maslow vor Augen geführt. Wolfgang Steger entwickelte daraus das Modell der sieben Lebensebenen, das er als Grundlage für die Ableitung von subjektiven Faktoren des Wohlbefindens in Bezug auf Objekte verwendet:

  • 1. Existenz erhalten, Überleben sicherstellen
    Für die Kriegsgeneration hat die Möglichkeit, sich satt zu essen und ungefährdet schlafen zu können, schon enormes Wohlbefinden ausgelöst.
  • 2. Sicherheit, Heimat, Geborgenheit, Familie, dazugehören
    Das Gefühl von Sicherheit, Heimat, Geborgenheit und Familie waren für die Nachkriegsgeneration entscheidend und für viele Menschen sind diese Ziele heute noch die wichtigsten.
  • 3. Etwas weiterbringen, gestalten, Effizienz, Ziele, Erfolg, Power, Gewinnen
    „Anything goes“ lautet das Motto dieser Ebene, auf der Menschen darauf bedacht sind, ihre Ressourcen mit dem bestmöglichen Ergebnis einzusetzen. Sie sind motiviert von der Möglichkeit zur Selbstbestimmung und dem Streben nach Erfolg und Gewinn.
  • 4. Kooperation, Zusammenwirken der Unterschiedlichen, Wertschätzung
    Auf Kosten anderer und der Umwelt zu leben, macht auf Dauer viele Menschen unglücklich. So beginnt auf dieser Ebene das Streben nach einem Miteinander, das uns die Erfahrung von Wertschätzung und das Leisten eines sinnvollen Beitrags ermöglicht.
  • 5. Individuelle Lebensaufgabe, Berufung, Selbstentfaltung, Stimmigkeit
    Hier gehen Kreativität, Selbstentfaltung, Sinnerfüllung mit Selbstverantwortung und dem Leben und Erleben der eigenen Berufung einher.
  • 6. Beseelt sein von einer Vision
  • 7. Mich einem Größeren zur Verfügung stellen
    Das Bedürfnis, die Welt besser zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben, ist auf diesen letzten zwei Ebenen sehr stark. Das Wohlbefinden hängt nicht mehr vom Wollen ab, die eigene Kraft und Fähigkeit werden einfach zur Verfügung gestellt.

Subjektive Faktoren des Wohlbefindens in Gebäuden

Auf Basis dieses Modells und der Analyse gelungener Beispiele aus der Praxis leitete Steger die aus seiner Sicht folgenden subjektiven Faktoren des Wohlbefindens ab:

  • Zu den Grundfunktionen, die Objekte und Räume zu erfüllen haben, gehört die Kommunikation: Wer hat mit wem zu tun, wie findet das Miteinander statt und wie wird dies räumlich und gestalterisch abgebildet, unterstützt oder behindert?
  • Ein Gebäude, das die Unternehmenskultur widerspiegelt, empfinden Menschen als stimmig. Dieses Gebäude wirkt wiederum auf die MitarbeiterInnen im Sinne der Unternehmenskultur.
  • So wie die Steigerung des BIP kein Indikator für die Lebensqualität der Menschen in einem Land mehr ist, so muss jedes Unternehmen für sich definieren, was Lebensqualität in der jeweiligen Arbeitsumgebung bedeutet. 
  • Gemeinsame Ziele zu verfolgen ist das was Menschen in Unternehmen zusammenhält. Ein Gebäude muss dies unterstützen.
  • Komfort am Arbeitsplatz bedeutet nicht nur Bequemlichkeit, sondern auch ein Gefühl von Wertschätzung, Großzügigkeit und Freiheit. Dabei geht es um ein Wechselspiel zwischen Autonomie und Nähe, zwischen Rückzug und Kommunikation, zwischen Inspiration und Gestaltung. Dies manifestiert sich räumlich auf vielen Ebenen – ob in der Prozess- und Planungsqualität, in der Gestaltungsqualität von Arbeitsräumen, in den verwendeten Materialien, der Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur, der Verantwortung gegenüber der Umwelt oder in der Funktion von Arbeitsräumen, die Kommunikation und Rückzug, Gestaltung und Inspiration zugleich ermöglichen.

Licht als Medium der Seele und Akustik als die unsichtbare Architektur

Tageslicht kostet nichts, liefert Wärme, wirkt positiv auf den Menschen und wird leider zu wenig genutzt, stellte Frank Bunte von der Lichtakademie Bartenbach in seinem Beitrag zum visuellen Komfort fest. Dabei hat Licht einen wesentlichen Einfluss auf den Menschen:

Es ist nicht nur für das Sehen, sondern auch für die hormonelle Regulierung des Körpers wichtig. Oder wie Prof. Bartenbach, der Gründer des Lichtspezialisten Bartenbach, es formuliert: „Licht ist das Medium des Sehens und der Seele.“

So plädiert Bunte dafür, bei der Planung von Gebäuden und Arbeitsräumen das Tageslicht stärker zu berücksichtigen. Wichtig seien dabei die richtige Menge, die Verteilung, der Sonnenschutz, der Bezug nach außen, die vorgeschriebene Intensität, die verschiedenen Sehaufgaben und die Positionierung von Arbeitsplätzen. Faszinierend sind in diesem Zusammenhang jene Entwicklungen, die Tageslichtqualität durch Kunstlicht erzeugen (COELUX).

Nicht nur der visuelle, sondern auch der akustische Komfort muss im Zeitalter von Activity Based Working – der Auflösung von Zellenbüros zu Gunsten von Arbeitsräumen, die eine Mischung aus offenen Bürostrukturen und diversen Rückzugsräumen hervorbringen – besser geplant werden. „Unser Ohr ist ständig wach und Lärm hat Auswirkungen auf unser soziales Verhalten, unsere Gesundheit und Produktivität“, erklärt Thorsten Rohde, Geschäftsführer des Akustikspezialisten Rohde-BeSB Noise + Vibration GmbH. Akustik kann man richtig planen, ist Rohde überzeugt, der diese Aufgabe „Design für unsere Ohren“ oder „die unsichtbare Klangarchitektur“ nennt. Entscheidend für eine gute Akustik ist die Berücksichtigung aller Flächen, von der Decke, über die Wände bis hin zum Fußboden und der Inneneinrichtung. So wirkt beispielsweise eine Schallabschirmung nur dann, wenn auch die Decke schallabsorbierend ist.

Auch der thermische Komfort spielt im Hinblick auf das Wohlbefinden und die Produktivität der Menschen in Arbeitsräumen eine wichtige Rolle, wie Marcus Hermes vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP erläuterte. Ein Wechselspiel aus physiologischen, intermediären und physikalischen Faktoren beeinflusst die thermische Behaglichkeit: So gehören beispielsweise die Lufttemperatur, die Luftbewegung (physikalische Faktoren), die Kleidung und der Tätigkeitsgrad (intermediäre Bedingungen) zu den primären und dominierenden Faktoren, die sich auf die thermische Behaglichkeit in einem Raum auswirken. Die Konstitution, das Alter, ethnische Einflüsse (physiologische Voraussetzungen) oder der Tages- und Jahresrhythmus (intermediäre Bedingungen) sind zusätzliche Faktoren, die bei der thermischen Komfortplanung zu berücksichtigen sind, während akustische oder optische Einflüsse oder der Luftdruck sekundäre oder vermutete Faktoren sind, die den thermischen Komfort beeinflussen.

Gerade in Zusammenhang mit den subjektiven Faktoren des Wohlbefindens sind auch die nutzerspezifischen Services rund um den Arbeitsplatz entscheidend. Denn „erst das Zusammenspiel zwischen Arbeitsumgebung und Services ermöglicht die optimale Performance“, so Christian Grohs, Facility Management Specialist beim ERSTE Campus der Erste Group Bank AG. Der FM-Spezialist zeigte auf, dass „Services“ heutzutage ein breit gefasster Begriff ist, unter dem nicht nur die Servicierung der Arbeitsräume, sondern auch beispielsweise der Lebensmitteleinkauf, die Rechtsberatung, die private Postlieferung oder die Bereitstellung von Fitnessräumen für die MitarbeiterInnen zu verstehen sind. Welche Services jedes Unternehmen anbieten möchte, hängt von der jeweiligen Unternehmenskultur und dem vorhandenen Budget ab. Entscheidend sei auf jeden Fall, dass die Anforderungen an den Betrieb des Gebäudes und die Services rund um den Arbeitsplatz möglichst früh und genau formuliert werden.

Abschluss mit Diskussionsrunde

Mit einer spannenden Diskussionsrunde zur Frage, wie ein bauendes Unternehmen mit der Komplexität der Planung einer Immobilie optimal umgehen kann, ging der 5. Bauherrenkongress zu Ende. Partner auf Augenhöhe, die die Sprache der Nutzer versteht und die Anforderungen dieser an das Objekt rechtzeitig formuliert, sind dabei unerlässlich. Oder einfacher ausgedrückt: Ein Gebäude ist nie Selbstzweck, sondern immer Mittel zum Zweck.

www.delta.at
www.ogni.at
www.moo-con.com


Bildergalerie

Bauherrenkongress 2015 - Bauherrenkongress 2015

Der Bauherrenkongress 2015 wurde am 29. Jänner im Linz unter dem Thema "Einfluss und Wirkung eines gesunden Arbeitsumfeldes auf den Menschen" von M.O.O.CON, DELTA Holding GmbH und der ÖGNI veranstaltet.
Wann fühlen wir uns in einem Gebäude wohl und sind produktiv? Wenn Temperatur, Licht, Luftqualität und Lautstärke als angenehm empfunden werden? Wenn die Größe von Räumen weder beengend noch zu weitläufig ist? Wenn die Gegebenheiten die Befriedigung verschiedenster Bedürfnisse ermöglichen? Auf diese und viele weitere Fragen hat die Veranstaltung Antworten gegeben. Neben Vorträgen konnten sich die rund 200 Teilnehmer über die Umsetzung von Komfort in Gebäuden auch in Best Practice Beispielen informieren.