18.07.2017
Energieeffizienz in Europa

„Fachkräftemangel größter Engpass für Energiewende“

Christian Noll, Gründer und Vorstand der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF), über den G20-Gipfel in Hamburg und was er in Sachen Energieeffizienz gebracht hat, den CO2-Preis in Europa und den dramatischen Fachkräftemangel in der Branche.

HLK: Beim G20-Gipfel in Hamburg waren auch Klimaschutz und Energieeffizienz Themen der Beratungen. Was haben die 20 Staats - und Regierungschefs denn in den zwei Tagen in Hamburg tatsächlich weitergebracht?

Christian Noll: Energieeffizienz spielt im Aktionsplan der G20 eine recht prominente Rolle - das allein ist ein wichtiger Erfolg. Die Aussagen zur konkreten Umsetzung sind allerdings - wie oft bei internationalen Erklärungen - leider vage.

Wesentlicher ist für uns daher die konkrete Umsetzung in den nächsten Monaten in Europa, wie die Revision der EU-Energieeffizienzrichtlinie. In Deutschland ist die anstehende Bundestagswahl maßgeblich für die künftige Energieeffizienzpolitik. Und natürlich blicken wir auch besorgt in Richtung USA, wo nationale Programme und Standards zurückgefahren werden. 

HLK: Ist der CO2-Preis in Europa Ihrer Meinung nach zu niedrig?

Noll: Bei der Einführung des Systems hatten Experten mit 30 Euro pro Tonne gerechnet. Bei der Wahl der Energieträger macht der aktuell viel niedrigere Preis natürlich einen Unterschied.  Da der Emissionshandel jedoch nur energieintensive Unternehmen und fossile Kraftwerke erfasst, wäre im Gebäudesektor und bei allen anderen Endverbrauchern die Wirkung eines höheren Preises überschaubar. Selbst wenn der Gebäudesektor erfasst wäre, bliebe das Dilemma, dass für Vermieter kein Anreiz zum Sanieren entsteht.

Deneff-Chef Noll: "Es gilt, Gleichrangigkeit herzustellen, so dass Effizienzmaßnahmen, soweit sie wirtschaftlich vorteilhaft sind, auch bevorzugt genutzt werden. Passiert das nicht, wird sich die benötigte Menge an erneuerbaren Energien gegenüber bisherigen Ausbauszenarien vervielfachen."
Bild: Bildquelle  

Wie energieeffizient sind Gebäude heutzutage in Deutschland und Österreich?

Der Heizenergieverbrauch je Quadratmeter im Gebäudebestand ist in beiden Ländern etwa vergleichbar – hier liegt auch die wesentliche Herausforderung. Die Neubaustandards sind in beiden Ländern im europäischen Vergleich okay.

Aber beide Bundesregierungen scheuen den nächsten Schritt in Richtung klimaneutrale Neubauten. Technisch und wirtschaftlich ist das längst möglich – auch im Bestand. Und Unternehmen aus beiden Ländern sind bei Lösungen hierfür weltweit führend. Es kommt auf die richtigen politischen Rahmenbedingungen an.

Wer ist in Europa besonders vorbildlich unterwegs?

Das ist je nach Sektor und Indikator sehr unterschiedlich. Die geringste Energieintensität – also Energieeinsatz in Bezug auf die Wirtschaftsleistung – weist  laut der Odysee-Datenbank Irland auf. Irland hat auch den geringsten Heizenergieverbrauch pro Quadratmeter im Bestand.

Österreich hat vor allem eine vergleichsweise hohe Nutzung von Solarthermie, Deutschland ist bei effizienten Hausgeräten besser. Viele mittel- und osteuropäische Staaten sind zwar von geringerem Niveau gestartet, haben aber in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht, darunter die Slowakei und die baltischen Länder. Treiber waren in allen Ländern entsprechende politische Rahmenbedingungen – auch angespornt durch die EU-Energieeffizienzrichtlinie.

Efficiency First: Wie schafft man kostenoptimierte Energiesysteme?

Der maßgebliche Treiber der Kosten eines Energiesystems ist der Energiebedarf – denn er bestimmt die Menge an Erzeugung, Netzen, Energieimporten und künftig auch Speichern. So könnten bis 2030 allein die Kosten des Stromsystems um über 20 Milliarden Euro im Jahr gesenkt werden – das entspricht in etwa der Erneuerbaren-Energie-Umlage in Deutschland.

Soll auch nach der sogenannten Sektorkopplung, also dem erhöhten Stromeinsatz in Wärme und Verkehr, das System sicher und bezahlbar bleiben, muss die Nachfrage möglichst effizient sein, also auch Gebäude einen möglichst geringen Endenergiebedarf ausweisen.

Insgesamt gilt es, bis 2050 die Primärenergie zu halbieren, um den verbleibenden Bedarf kostengünstig und möglichst klimaneutral bedienen zu können. Die politischen Rahmenbedingungen stellen in Summe den Ausbau von Erzeugung jedoch besser als die Energieeinsparungen und bestrafen die Umsetzung von Effizienzmaßnahmen teilweise sogar. Das betrifft etwa die deutschen Ausnahmeregelungen für energieintensive Unternehmen.

Es gilt also, eine Gleichrangigkeit herzustellen, so dass Effizienzmaßnahmen, soweit sie wirtschaftlich vorteilhaft sind, auch bevorzugt genutzt werden. Passiert das nicht, wird sich die benötigte Menge an erneuerbaren Energien gegenüber bisherigen Ausbauszenarien vervielfachen, was der Akzeptanz und dem Erfolg der Energiewende massiv entgegensteht.

Welche Aufgabe fällt hier dem Installateur, welche dem Planer zu?

Idealerweise plant der Planer und der Installateur setzt um. Was besser werden muss, ist die Gewerke übergreifende Zusammenarbeit – insbesondere bei Maßnahmen in privaten Gebäuden, bei denen oft gar kein Planer einbezogen wird.

Problematisch ist vor allem der weitere wachsende Fachkräftemangel, der zum größten Engpass der Energiewende zu werden droht. Die Politik muss hier endlich eine breite Qualifizierungsoffensive starten: Nicht nur was die Anzahl der Fachkräfte anbelangt, sondern auch die Ausbildungsinhalte. Gebäude werden immer komplexer, von der Planung über die Umsetzung bis hin zum Betrieb. Das muss sich auch in der Aus- und Weiterbildung widerspiegeln – bei Planern wie bei Installateuren.

Wie kann jeder einzelne zum Klimaschutz beitragen? 

Von alltäglichen Konsumentscheidungen, wie Fragen der Wahl des Verkehrsmittels, des Stromanbieters über den Ernährungsstil bis hin zum Neubau oder der Sanierung von Gebäuden gibt es eine ganze Menge Stellschrauben. Überall wo Energie eingesetzt wird, lässt sich das effizienter tun oder manchmal sogar vermeiden.

Eindeutige Labels oder attraktive Förderanreize können hierbei helfen. Die Verantwortung allein auf den Verbraucher abzuwälzen wäre aber falsch, denn er braucht dafür die richtigen Anreize. Und am Ende macht auch die öffentliche Infrastruktur einen wesentlichen, vom einzelnen aber kaum beeinflussbaren Teil seines CO2-Fußabdrucks aus. Nicht von ungefähr kommt daher der Ruf nach der Vorbildrolle der öffentlichen Hand.

Was sind Ihre persönlichen Tipps?

Für alle, die Klimaschutz mit kulinarischem Genuss verbinden möchten, empfehle ich das Klimakochbuch, das ich mit ein paar Freunden vor einigen Jahren herausgebracht habe. Was die Gebäudesanierung betrifft, empfehle ich, einen unabhängigen Energieberater aufzusuchen und sich nicht von pauschalen Aussagen verunsichern zu lassen wie: „Das bringt nichts“ oder „das rechnet sich nicht“. Jedes Gebäude und jeder Eigentümer ist anders und hat andere Möglichkeiten.

Getreu dem Prinzip Efficiency First lohnt es sich auch nachzudenken, ob sich der Wunsch nach solarer Eigenversorgung sinnvoll mit Energieeffizienzmaßnahmen verbinden lässt. Etwa bei der Dachsanierung. Mietern empfehle ich, bei der Suche nach neuen Wohnungen konsequent nach dem Energieausweis zu fragen.

Deneff - Deutsche Unternehmensinitative Energieeffizienz

Bettina Kreuter