11.11.2015
PODIUMSDISKUSSION

Energieeffizienz versus Baukultur?

So lautete der Titel der Podiumsdiskussion des Ausschusses Nachhaltiges Bauen der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten (bAIK), die Anfang November 2015 im Palais Rohan vor zahlreichen Interessierten stattfand.

Teilnehmer der Podiumsdiskussion „Energieeffizienz versus Baukultur?“ (v. l.): Juri Troy, Robert Lechner, Georg W. Reinberg, Ursula Schneider, Klaus-Jürgen Bauer, Clemens Hecht.

Bild:Bundskammer d.Architekten u. Ing.Kons./APA-Fotoservice/Hautzinger  


Die Vorsitzende des Ausschusses und Moderatorin Ursula Schneider stellte zur Diskussion, ob Energieeffizienz und Baukultur einander entgegenstehen, sich in Einklang bringen lassen oder einander sogar bedingen. Baukultur als Begriff ist als Gesamtheit von Architektur und ihren Produktionsbedingungen (Bestellqualität, Verfahren, Bürgerteilhabe) gemeint.

Gegen das umfangreiche Dämmen
Laut Klaus-Jürgen Bauer, Architekt und Autor des Buches „Entdämmt Euch“, in dem er sich gegen das umfangreiche Dämmen von Gebäuden ausspricht, sei vor einigen Jahren ein für die Baukultur fataler Weg eingeschlagen worden: Bauweisen, die sich über tausende Jahre traditionell entwickelt hätten, wurden seiner Meinung nach zur Angelegenheit industrieller Interessen und zum Opfer unzähliger Normvorschriften. Das Erfahrungswissen sei verloren gegangen. Er habe außerdem die Sorge, dass der Leerstand älterer Häuser immer mehr werde, da diese den heutigen Ansprüchen nicht mehr genügen würden.

Vehement für Energieeffizienz
Georg W. Reinberg, Architekt und Mitglied des Ausschusses Nachhaltiges Bauen, plädierte vehement für Energieeffizienz und gegen Verschwendung, für Baukultur und gegen ein Bauen ohne Kultur. „Für mich ist der Zusammenschluss von Architektur und nachhaltiger Technologie tatsächlich fortschrittliche Architektur“. Die Aufgabe der Architekten sei es, die neuen Anforderungen, welche die ökologischen Veränderungen nach sich ziehen, aktiv aufzugreifen und integral in die Architektur einfließen zu lassen. Reinberg kritisierte eine Bewertung von Architekturqualität nach – in seinen Augen – überholten ästhetischen Maßstäben. Diese müssten sich vielmehr ebenso den aktuellen Herausforderungen und Werten anpassen und beispielsweise Lebenszykluskosten eines Gebäudes oder die offensive (und sichtbare) Verwendung umweltschonender Technologien stärker als bisher berücksichtigen.

Österreich wird Ziele verfehlen
Der Geschäftsführer des österreichischen Ökologie Instituts, Robert Lechner, rief die aktuelle Klimasituation in Österreich in Erinnerung. Der massive CO2-Anstieg in der Atmosphäre sei eindeutig durch Menschen verursacht, Österreich wird das internationale Zwei-Grad-Ziel sowie das Ziel der EU, bis 2015 rund 80 % an CO2-Emissionen zu verringern, auf dem derzeitigen Weg bei weitem verfehlen. Der Gebäudebereich konnte seit 1990 zwar CO2-Emissionen einsparen, besitzt aber weit größere Potenziale, die auch zwingend ausgeschöpft werden müssen. Österreich sei mit seiner nationalen Auslegung des zero energy buildings in Europa mittlerweile fast Schlusslicht. Er stellte klar, dass die Ausgangspunkte für die Schlussfolgerungen in der Broschüre von Klaus-Jürgen Bauer unzutreffend sind. Als Mitglied der Jury des Staatpreises Architektur und Nachhaltigkeit berichtete Lechner von zahlreichen Kontroversen innerhalb des Gremiums, aber auch von Ergebnissen, die Nachhaltigkeit, Architektur und Prozessqualität hervorragend vereinen.

Energieeffizienz zentraler Bestandteil von Baukultur
Für Clemens Hecht, Mitglied der ARGE Qualitätsgruppe Wärmedämmsysteme der WKO, ist die Umsetzung von Energieeffizienz zentraler Bestandteil von Baukultur. Nachhaltiges Bauen sei weniger eine Frage des Geldes, sondern vor allem eine gesellschaftliche. Hinsichtlich der Produktionsbedingungen von Architektur wies er vor allem auf die Qualitätssicherung in der Ausführung hin. Ohne diese sei man auch trotz einer qualitativ hochwertigen Planung oft zum Scheitern verurteilt.

Andere Ansätze zur Effizienzbewertung
Juri Troy, Architekt, knüpfte an die geschichtliche Entwicklung des Bauens an: Die natürliche Auslese von Baumaterialien und -weisen durch Ressourcenknappheit und Tauglichkeit wurde zunehmend von Regelungen und Normvorschriften ersetzt. So sei der Energieausweis ein zu sehr vereinfachtes Mittel, um Effizienz zu visualisieren. Ein Gebäude könne nicht an einer Zahl gemessen werden. Vielmehr müsse ein holistischer Ansatz gewählt werden, um die Effizienz zu bewerten. Könne man auf kleineren Flächen die Anforderungen der Bauherren realisieren, so sei dies viel wirksamer als die letzte kWh im Heizwärmebedarf.
Laut Troy wäre es essenziell, zum Beispiel auch die Regionalität (Transportwegevermeidung) und die Nachhaltigkeit der verwendeten Materialen stets mit einzuberechnen. Je vollständiger dieser Bewertungsprozess sei, desto eher würde man von Baukultur sprechen können. Er sei außerdem nicht der Meinung, dass man aktive Energiegewinnungselemente unbedingt am Gebäude sichtbar machen müsse. Der wissenschaftliche Zahlenüberbau zum Klimawandel, CO2-Anreicherung in der Atmosphäre und erforderliche Emissionsverringerungen können heute als geklärt vorausgesetzt werden. An dieser Tatsache kommt auch eine Streitschrift wie das Buch „Entdämmt euch“ nicht vorbei.

Resümee
Darüber, dass noch viel Potenzial im Bereich des nachhaltigen Bauens in Österreich ausgeschöpft werden müsse, waren sich am Ende einer langen Diskussion daher alle TeilnehmerInnen einig. Ebenso darüber, dass Energieeffizienz heute Bestandteil der Baukultur sein müsse. Über die Maßstäbe, die zur Qualitätsbeurteilung angelegt werden sollten, herrschte allerdings keine einheitliche Meinung. Die Veränderungen der Baukultur aufgrund der im Rahmen der Diskussion aufgezeigten Anforderungen bleiben für Beobachter in den nächsten Jahrzehnten auf jeden Fall spannend.

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